
Backrooms galt lange als perfektes Beispiel dafür, wie aus einem Internetmythos ein moderner Horrorfilm werden kann.
Was mit einem unheimlichen Bild von gelben, endlosen Räumen begann, wuchs über Foren, Reddit, YouTube, Fan-Wikis, Spiele und Fan-Art zu einem eigenen Horroruniversum. Mit dem Film von A24 und Regisseur Kane Parsons, online besser bekannt als Kane Pixels, wurde daraus ein internationaler Kinoerfolg.
Doch genau dieser Erfolg hat nun eine schwierige Frage aufgeworfen:
Wem gehört eigentlich eine Legende, die vom Internet gemeinsam erschaffen wurde?
Was ist Backrooms?
Backrooms ist ein online entstandenes Horrorkonzept. Die Grundidee ist einfach: Eine Person fällt aus der normalen Realität heraus und landet in einem scheinbar endlosen Labyrinth aus leeren Räumen.
Das bekannteste Bild zeigt gelbe Wände, flackerndes Neonlicht, feuchten Teppichboden und eine Atmosphäre, die zugleich vertraut und völlig falsch wirkt.
Der Horror entsteht nicht nur durch ein Monster. Er entsteht durch den Ort selbst.
Diese Ästhetik wird oft als “liminal space” beschrieben. Gemeint sind Übergangsräume: leere Hotelflure, verlassene Einkaufszentren, Bürogebäude nach Feierabend oder Schulflure ohne Menschen. Orte, die man kennt, die aber ohne Leben plötzlich unheimlich werden.
Für ein deutschsprachiges Publikum lässt sich Backrooms am besten als digitale Großstadtlegende verstehen. Es ist keine klassische Geschichte eines einzelnen Autors, sondern ein Mythos, der durch viele Beiträge im Netz gewachsen ist.
Warum der A24-Film alles verändert hat
A24 hat Backrooms aus der Nische des Internets in den Mainstream gebracht.
Kane Parsons hatte zuvor mit seinen YouTube-Videos entscheidend dazu beigetragen, dass die Backrooms wie ein echter Found-Footage-Horrorfilm wirkten. Seine Videos machten aus einer losen Online-Idee ein filmisches Erlebnis.
Mit der A24-Verfilmung wurde daraus jedoch mehr als nur ein Fan-Phänomen. Backrooms wurde zu einem kommerziellen Filmprojekt, zu einer Marke und möglicherweise zu einer neuen Horrorfranchise.
Genau an diesem Punkt beginnt der Konflikt.
Solange Backrooms vor allem ein offenes Netzphänomen war, konnten Fans relativ frei Bilder, Geschichten, Spiele und Videos dazu erstellen. Sobald aber ein großes Studio beteiligt ist, ändern sich die Regeln.
Was ist beim Copyright-Streit passiert?
Mehrere US-Medien berichteten, dass Backrooms-inspirierte Fan-Arts und Produkte von Copyright-Takedowns betroffen gewesen sein sollen. Besonders diskutiert wurden Designs, die an die bekannten gelben Wände und die typische Backrooms-Atmosphäre erinnerten.
Ein Teil der Community warf A24 daraufhin vor, eine Ästhetik kontrollieren zu wollen, die lange vor dem Film im Internet entstanden war.
A24 soll später erklärt haben, dass die Takedowns auf einen Fehler eines externen Rechteverwaltungssystems zurückgingen. Auch Kane Parsons stellte sich Berichten zufolge gegen eine aggressive Vorgehensweise gegen die Backrooms-Community.
Trotzdem bleibt die Grundfrage bestehen.
Wenn ein gemeinschaftlich gewachsener Internetmythos zum Hollywoodfilm wird, wo endet legitimer Markenschutz und wo beginnt die Einschränkung von Fan-Kultur?
Warum die Reaktion der Fans so stark war
Die Empörung der Fans lässt sich nicht allein mit juristischen Details erklären.
Es geht um das Gefühl, dass eine offene Kultur nachträglich eingezäunt wird.
Backrooms wurde nicht wie eine klassische Filmfigur im Studio entwickelt. Die Welt entstand durch anonyme Posts, Forendiskussionen, YouTube-Videos, Fan-Wikis, Spiele, Zeichnungen und Erzählungen vieler unterschiedlicher Menschen.
Fans haben nicht nur zugeschaut. Sie haben mitgebaut.
Wenn dann plötzlich Fan-Art oder Merchandise gelöscht wird, wirkt das auf viele so, als würde ein Unternehmen eine Kultur für sich beanspruchen, die ohne die Community nie so groß geworden wäre.
Gerade im deutschsprachigen Raum ist diese Frage gut nachvollziehbar. Auch hier gibt es eine starke Fan-Kultur rund um Games, Anime, Horror, YouTube, Cosplay, Fanfiction und Memes. Die Grenze zwischen Inspiration, Hommage, Remix und kommerzieller Nutzung ist oft sensibel.
Urheberrecht trifft Internet-Folklore
Der Streit um Backrooms zeigt ein Grundproblem moderner Online-Kultur.
Das Urheberrecht funktioniert am besten, wenn klar ist, wer ein Werk geschaffen hat. Bei einem Film, einem Roman, einem Musikstück oder einem bestimmten Bild lässt sich das meistens bestimmen.
Bei Internet-Folklore ist das komplizierter.
Wer ist der “Autor” von Backrooms?
Die Person, die das ursprüngliche Bild postete? Die Nutzer, die erste Geschichten dazu schrieben? Kane Parsons, der die berühmten YouTube-Videos drehte? A24, das daraus einen erfolgreichen Film machte? Oder die Community, die das Universum über Jahre erweitert hat?
Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt nicht nur eine Quelle.
Und genau deshalb fühlt sich der Fall für viele Fans so heikel an.
Kane Parsons zwischen Community und Hollywood
Kane Parsons steht in dieser Debatte an einer besonderen Stelle.
Er ist kein klassischer Hollywood-Regisseur, der zufällig einen bekannten Stoff adaptiert. Er kommt selbst aus der Internetkultur, die Backrooms groß gemacht hat.
Für Fans ist das wichtig. Parsons wird nicht nur als Regisseur gesehen, sondern als jemand, der die Sprache der Community versteht.
Gleichzeitig arbeitet er nun mit A24, einem professionellen Studio mit kommerziellen Interessen, Rechteverwaltung und Franchise-Potenzial.
Damit steht er zwischen zwei Welten: der offenen, experimentellen Netzkultur und der strukturierten Filmindustrie.
Wie er und A24 diesen Spagat meistern, könnte darüber entscheiden, wie andere Internetmythen künftig adaptiert werden.
Backrooms ist nur der Anfang
Der Fall Backrooms ist kein Einzelfall.
Hollywood interessiert sich zunehmend für Horrorstoffe aus dem Internet. Projekte rund um The Mandela Catalogue, Siren Head, Cartoon Cat und SCP zeigen, dass Studios in Creepypastas, YouTube-Serien, Forenmythen und Online-Communities nach neuen Stoffen suchen.
Für deutschsprachige Zuschauer bedeutet das: Die nächsten großen Horrorfranchises müssen nicht mehr aus Romanen, Comics oder alten Filmreihen entstehen.
Sie können aus einem anonymen Post, einem YouTube-Video oder einem Meme kommen.
Backrooms ist deshalb ein Testfall.
Wenn A24 die Community respektiert, könnte der Film zum Modell dafür werden, wie Internet-Folklore erfolgreich und fair adaptiert werden kann. Wenn die Community sich ausgeschlossen fühlt, könnte Backrooms zum Warnsignal werden.
Warum dieser Streit auch in Deutschland relevant ist
In Deutschland und im deutschsprachigen Raum gibt es ein starkes Bewusstsein für Urheberrecht, aber auch eine lebendige Remix- und Fan-Kultur.
YouTube, Twitch, Fan-Art, Memes, Reaktionsvideos, Cosplay und digitale Subkulturen leben davon, dass Menschen bestehende Motive aufgreifen und neu interpretieren.
Der Fall Backrooms berührt deshalb eine zentrale Frage:
Wie schützt man kreative Arbeit, ohne die Community zu zerstören, die eine Idee erst groß gemacht hat?
Das ist besonders wichtig, wenn Hollywood künftig stärker auf Netzphänomene setzt. Studios wollen die Reichweite und Kreativität des Internets nutzen. Aber sie müssen verstehen, dass diese Kultur nicht nur aus Konsumenten besteht.
Sie besteht aus Mitgestaltern.
Fazit: Wem gehört Backrooms?
Juristisch ist die Antwort kompliziert.
Kulturell ist sie etwas klarer: Backrooms gehört nicht nur einem Studio.
A24 hat einen erfolgreichen Film geschaffen. Kane Parsons hat dem Mythos eine der wichtigsten filmischen Formen gegeben. Aber die Kraft von Backrooms kommt auch aus der Community, die das Universum jahrelang erweitert hat.
Der Copyright-Streit zeigt, wie schwierig es wird, wenn offene Internetkultur plötzlich zur wertvollen Marke wird.
Backrooms wirkt so unheimlich, weil man das Gefühl hat, in einen Ort zu geraten, der keinen sichtbaren Besitzer hat.
Jetzt stellt sich dieselbe Frage über das Werk selbst.
Vielleicht gehört Backrooms nicht einer einzelnen Firma.
Vielleicht gehört es, zumindest kulturell, dem Internet.

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